Die Editionsgeschichte

  1. Die Texte

Als Sohn eines Arztes war Paracelsus frühzeitig mit kurierenden Tätigkeiten in Kontakt gekommen. Darüber hinaus verschaffte ihm sein Vater sowohl  Zugang zu Bibliotheken als auch zu den metallurgischen Hütten in Kärnten. Paracelsus studierte Medizin in Oberitalien und war anschließend als umherziehender Arzt auch auf Kriegsschauplätzen praktisch tätig.

In den Folgejahren schrieb Paracelsus sein Wissen in Tausenden von Seiten nieder, wovon nur  Weniges zu seinen Lebzeiten gedruckt wurde.

Das frühste größere Werk, die „Archidoxen“ (ca.1520) behandelt verschiedene Typen alchemistisch hergestellter Heilmittel, bspw. die „Quinta essentia“. Zur selben Zeit oder kurz darauf schreibt er  auch theologische, naturphilosophische und medizinische Abhandlungen. Auch das „Volumen paramirum“, seine bekannten Ausführung zu den fünf krankheitsverursachenden „Entien“ entsteht in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre. Theologisch beschäftigt sich Paracelsus zu der Zeit mit Niederschriften zur Heiligen Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria und dem Matthäus- Evangelium. In kirchenkritischen Abhandlungen macht er sich gesellschaftliche Zustände betreffende Gedanken. In naturphilosophischen Schriften erklärt er die Genese von Mensch und Welt. Außerdem schrieb er Kräuterbücher und Traktate zu bestimmten Krankheiten, die bei ihm „Wassersucht“, „Tobsucht“, „Podagra“ (Gicht) oder „Kaltenwe“ (Schüttelfrost) heißen.

In seiner Zeit als Dozent an der Basler Uni (1527/1528) schrieb er Vorlesungen, z.B. über Chirurgie oder „tartarische Krankheiten“ (Steinkrankheiten). Daneben entstanden alchemistische Schriften und weitere Auslassungen zu traditionellen medizinischen Tätigkeiten.

In der ersten Hälfte der dreißiger Jahre betrat er das Genre der „Jahresprognostiken“, die damals populär waren und die tatsächlich auch gedruckt wurden. Ferner gelangten nur Abhandlungen zur Syphillis, die Interpretation eines Kometen und eine Schrift über heilkräftige Quellen eines Dorfes in der Schweiz in den Druck. Seine umfassenden theologischen und gesellschaftsphilosophischen Schriften, aber auch seine medizintheoretischen Werke hingegen fanden keinen Verleger. Paracelsus machte sich Gedanken zu einer gottgefälligen Gesellschaft („De vita beata“) und entwickelte gleichzeitig das bekannte „4-Säulen- Modell“, auf dem der Arztberuf basieren sollte (Paragranum), und eine Ausarbeitung der „3-Prinzipien-Theorie“ (Opus Paramirum), die die traditionelle 4-Säfte-Lehre der Medizin ersetzen sollte. Neben den Kommentaren zu den Psalmen Davids, die quantitativ viel Raum einnehmen, beschäftigte er sich auch mit Krankheiten der Bergleute und der Pest.

1536 wurde schließlich die Schrift „Die große Wundarznei“ gedruckt. Sie ist eine Zusammenstellung des damaligen medizinischen Wissens und umgeht heikle Themen, wie Kritik an theologischen oder medizinischen Autoritäten.

Bis zu seinem Tod 1542 schrieb Paracelsus Texte. So beschreibt er z.B. in der „Astronomia magna“ die Position des Menschen zu Gott; in seinen Predigten gibt er einer damals verbreiteten Endzeiterwartung Ausdruck.

  1. Die Edition

Zu Paracelsus‘ Lebzeiten erschienen insgesamt 30 Drucke von 16 Schriften, von denen die meisten kurze prognostisch- astrologische Traktate zu Wetter und anderen Lebensumständen darstellten. Die anderen gedruckten Texte behandelten medizinische Themen, wohingegen theologische Werke keinen Verleger fanden.

1553, 10 Jahre nach seinem Tod, setzte die Publikation von Paracelsus- Texten ein. Als ein maßgeblicher Sammler von paracelsischen Handschriften (Autographen) trat Kurfürst Ottheinrich in Neuburg/ Donau in Erscheinung. Seine Sammlung diente als Grundlage von zahlreichen Drucken, sodass bis 1589 etwa 200 Auflagen verschiedener Bücher erschienen waren. Bis auf zwei Traktate theologischen Inhalts waren die Bücher alle medizinischer Natur.

Es wird angenommen, dass in diesen Zeiten religiöser Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und der Vielzahl protestantischer Glaubensgemeinschaften die Publikation von weiteren theologischen Theorien zu riskant war. Allerdings entstanden eine Vielzahl von handschriftlichen Kopien theologischen Inhalts mit Zentren am Oberrhein, in Schlesien und in der Lausitz von Gruppen, die mit dem Oberbegriff „Schwärmer“ bezeichnet werden.

Die medizinischen Texte hingegen wurden von Ärzten herausgegeben, die sich mit den neuen paracelsischen Thesen  allerdings auch in Konfrontation mit der traditionellen Ärzteschaft begaben.

Im Auftrag eines weiteren Kurfürsten und Erzbischofs, des Ernst von Bayern, sammelte auch Johannes Huser Handschriften des Paracelsus. Diese und die bereits erschienen Ausgaben bildeten 1589 die Grundlage für eine 10-bändige Gesamtausgabe der medizinisch-naturphilosophischen Werke des Paracelsus. Damit war die Überlieferung und der Zugriff auf wenigstens dieser Hälfte der paracelsischen Texte gesichert.

Vermutlich wollte Huser auch die theologischen Schriften herausgeben, wozu es aber nicht mehr kam. Was diese Schriften angeht, so gibt es von 1618 ein paar Drucke, die allerdings eine Bearbeitung aufweisen, um nicht die herrschende Geistlichkeit herauszufordern. Es gibt aber zahlreiche Sammelhandschriften von der zweiten Hälfte des 16.Jhdts. bis zum frühen 18.Jhdt., die allerdings auf Grund der verschiedenen Orte und Zeiten der Entstehung Unterschiede in der Wortwahl aufweisen.

Den nächsten groß angelegten Anlauf hinsichtlich einer Gesamtausgabe ereilte ein ähnliches Schicksal. Auch Karl Sudhoff sammelte Anfang des 20.Jhdts Drucke und Handschriften und auch er gab erneut eine – diesmal 14-bändige –  Gesamtausgabe der medizinisch-naturphilosophischen Schriften heraus. Und auch Sudhoff plante die Publikation der theologischen Schriften, wozu es leider nicht mehr kam.

Während der Zugriff auf die medizinisch-naturphilosophischen Werke über die Jahrhunderte durch die akribischen Editionen Husers und Sudhoffs einfach ist, stellt sich hingegen die Herausgabe der theologischen Schriften nunmehr als sehr mühsam dar. Nur wenige Experten können diese alten Handschriften und Drucke lesen.

Nach dem Krieg startete Goldammer mit seinem Assistenten Weimann nun gezielt die Publikation der paracelsischen Theologika. In den 50er Jahren kamen so vier Bände mit Kommentaren zu den Psalmen Davids und später zwei Bände mit ethischen und politischen Schriften und anderen Einzelschriften heraus.

Zurzeit hat sich das so genannte „Paracelsus-Projekt“, angeleitet von Urs Gantenbein, zur Aufgabe gestellt dieses Projekt zu Ende zu bringen. 2008 erschien als erster Band „De vita beata“. Der zweite Band, aktuell in Bearbeitung, wird die frühen Schriften aus der Salzburger Zeit (1524) zusammenfassen. In vier weiteren Bänden sollen noch Matthäus-Kommentare, Schriften zu Maria und zum Abendmahl und „Predigten“ veröffentlicht werden.

Quellen:
– Benzenhöfer, Udo: „Studien zum Frühwerk des Paracelsus im Bereich Medizin und  Naturkunde“, Klemm & Oelschläger, Münster, 2005

– Gantenbein, U.L. (Hsgb.) : „Paracelsus. Theologische Werke 1: Vita Beata – Vom seligen Leben“, de Gruyter, Berlin, 2008

-Letter, Paul: „Paracelsus. Leben und Werk“, Königsfurt Verlag, Königsförde 2000